Die Nervenkrankheit Parkinson verbreitet sich stärker als andere Alterskrankheiten – und in Landwirtschaftszonen auffallend mehr als anderswo.

Weil es immer mehr ältere Menschen gibt, liegt es auf der Hand, dass auch Parkinson häufiger wird. Doch das kann nicht der einzige Grund sein. Bemerkenswert ist, dass Parkinson stärker zunimmt als beispielsweise Alzheimer, obwohl auch das eine typische Alterskrankheit ist. Die Ursache lässt sich nicht eindeutig benennen. Doch Forscher gehen davon aus, dass Umweltfaktoren eine wichtige Rolle spielen. Besonders stark im Fokus stehen Pflanzenschutzmittel. Bereits im Jahr 2000 haben Wissenschafter eine Verbindung zwischen Pestiziden und Parkinson aufgezeigt.

Seither wurden unzählige Studien zum Thema erstellt. Im Jahr 2011 beispielsweise zeigten Forscher auf, dass Bewohner des Central Valley in Kalifornien drei Mal häufiger an Parkinson erkranken, wenn sie in der Nähe von Feldern arbeiten, auf denen regelmässig Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden. 2012 gelang es Forschern aus Dresden, den Mechanismus zu entschlüsseln, mit dem das Insektenvernichtungsmittel Rotenon Parkinson auslöst. Und in Frankreich wurde erst vergangenen Monat eine Studie publiziert, die aufzeigt, dass nicht nur Winzer, die Pestizide einsetzen, eher an Parkinson erkranken. Auch andere Personen, die in einem stark von Weinbau beanspruchten Gebiet wohnen, haben ein um 10 Prozent höheres Risiko.

In Frankreich ist der Zusammenhang zwischen Pestiziden und Parkinson sogar staatlich anerkannt: Seit 2012 gilt Parkinson bei Landwirten als Berufskrankheit. In der Schweiz ist man diesbezüglich zurückhaltender. Zwar anerkennt auch der Unfallversicherer Suva, dass, wer Pestiziden ausgesetzt ist, ein erhöhtes Parkinson-Risiko haben kann, wie Mediensprecher Isik Serkan sagt. Doch: «Ob das Risiko so hoch ist, dass es die gesetzlichen Vorgaben zur Anerkennung einer Berufskrankheit erfüllt, muss im Einzelfall beurteilt werden.»

Dass Parkinson in Frankreich als Berufskrankheit gilt, findet der Schweizer Parkinsonexperte Stefan Bohlhalter «bemerkenswert». In der Schweiz sei das Thema in der Forschung kaum belegt. Dennoch sei der Zusammenhang zwischen Pestiziden und Parkinson «ziemlich klar» – wenn auch die Kausalität nicht erwiesen sei, sagt Bohlhalter, der Chefarzt am Neurozentrum im Luzerner Kantonsspital ist und den Fachlichen Beirat von Parkinson Schweiz leitet. Für ihn steht fest: «Man muss das Thema ernst nehmen.»

Auch das Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen weist auf die «signifikanten Zusammenhänge zwischen der Exposition mit Pflanzenschutzmitteln und der Erkrankung mit Parkinson» hin – wobei kein kausaler Zusammenhang erstellt sei. Bisher, sagt Mediensprecherin Nathalie Rochat, seien mit Rotenon und Paraquat erst zwei bestimmte Pestizide identifiziert worden, die ursächlich an der Entstehung von Parkinson beteiligt sein können. Beide Wirkstoffe sind in der Schweiz mittlerweile nicht mehr zugelassen. In allen anderen Studien seien Assoziationen zwischen Pflanzenschutzmitteln allgemein und Parkinson gefunden worden, sagt Rochat. Hier seien weitere Untersuchungen nötig.

Dass die Datenlage verbessert werden muss, hat auch der Schweizer Bundesrat erkannt. Im Rahmen seines im September 2017 verabschiedeten Aktionsplans Pflanzenschutzmittel plant er unter anderem eine Literaturstudie, um die Rolle von Pestiziden als Auslöser von chronischen Erkrankungen zu untersuchen. Im Aktionsplan wird erwähnt, dass epidemiologische Studien aus dem Ausland Hinweise darauf geben, dass die langfristige Anwendung von Pflanzenschutzmitteln zu Parkinson führt. Das generelle Ziel des Plans: Die Risiken sollen halbiert, die Anwendungen weiter reduziert und Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz gefördert werden.

Quelle: https://www.aargauerzeitung.ch/leben/zusammenhang-zwischen-pestiziden-und-parkinson-jetzt-fordern-politiker-massnahmen-132582967

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