Paris – Die Behandlung mit Dopaminagonisten führt bei vielen Parkinson-Patienten zu einer Wesensveränderung. In einer prospektiven Kohortenstudie in Neurology (2018, doi 10.1212/WNL.0000000000005816) kam es bei jedem zweiten Patienten zu Spielsucht, Kaufrausch, Essstörungen oder auch zu einer Hypersexualität. Die Störung der Impulskontrolle war Wirkstoff– und Dosis-abhängig, und sie war nach dem Absetzen der Medikamente zumeist reversibel.

Schon bald nach der Einführung der Dopaminagonisten häuften sich in der Literatur die Berichte über ungewöhnliche Veränderungen bei den Patienten. Viele Patienten entwickelten ein gesteigertes Interesse an Essen, Spielen, Kaufen und auch an sexuellen Aktivitäten, die sie vor der Behandlung nicht gezeigt hatten. Die Nebenwirkungen lassen sich am einfachsten dadurch erklären, dass Dopamin der zentrale Neurotransmitter des Belohnungssystems ist und beim Suchtverhalten eine wichtige Rolle spielt.

Problem lange unterschätzt

Anfangs schien es sich nur um seltene Phänomene zu handeln. Mittlerweile ist klar, dass das Problem lange unterschätzt wurde, weil die Patienten ihr Suchtverhalten verheimlichen und die Angehörigen den Ärzten aus Scham nicht davon berichten.

Jean-Christophe Corvol und Mitarbeiter vom Hôpital Pitié Salpêtrière in Paris haben die Nebenwirkungen jetzt systematisch in der prospektiven Kohortenstudie DIGPD (Drug Interaction With Genes in Parkinson’s Disease) analysiert, die ursprünglich die Wechselwirkungen von Genen und Medikamenten untersuchen sollte.

An der Studie nahmen 411 Patienten teil, die durchschnittlich 62 Jahre als waren und seit maximal fünf Jahren an einem Morbus Parkinson litten und von denen die meisten mit einem Dopaminagonisten behandelt worden. Jeder fünfte litt bereits bei der Eingangsuntersuchung an einer oder mehreren Störungen der Impulskontrolle. Von denen, die zu Beginn der Studie noch unauffällig waren, entwickelte in den folgenden 3,3 Jahren der Nachbeobachtung fast jeder zweite eine Störung der Impulskontrolle. Unter den Patienten, die mit einem Dopaminagonisten behandelt wurden, betrug die Inzidenz 51,5 Prozent. Bei den Patienten, die niemals Dopaminagonisten erhalten hatten, waren es nur 12,4 Prozent.

Das Risiko war abhängig von der Art des eingesetzten Dopaminagonisten. Die höchste Rate wurde mit Pramipexol und Ropinirol beobachtet, wobei Kombinationen etwas seltener zu Störungen der Impulskontrolle zu führen scheinen: Die 95-Prozent-Konfidenzintervalle der einzelnen Prävalenzraten überschnitten sich jedoch, so dass sich die Reihenfolge der Häufigkeiten nicht mit Sicherheit belegen lässt. Dies gilt streng genommen auch für die Dosis-Wirkungs-Beziehung, die sich tendenziell für einzelne Wirkstoffe nachweisen ließ.

Bei 50 Prozent der Patienten war die Impulskontrollstörung nach dem Absetzen des Dopaminagonisten reversibel. Corvol rät bei der Entscheidung zum Absetzen der Medikamente, immer auch die Vorteile bei der Symptomkontrolle zu beachten, die bei Dopaminagonisten häufig deutlicher ist als bei L-Dopa. © rme/aerzteblatt.de

Quelle: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/95993/Parkinson-Stoerung-der-Impulskontrolle-haeufige-Nebenwirkung-von-Dopaminagonisten

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