Der Tango scheint besonders geeignet

Zur Tanztherapie in Neustadt kommen die Patienten an Krücken, mit Stöcken oder Rollator. Aber tanzen tun sie alle. Nicht so, wie sie es in der Tanzstunde gelernt haben. Sie stampfen zum Sambarhythmus, wiegen sich zu Tangoklängen oder lassen bunte Kreppbänder im Walzertakt flattern. Mit raumgreifenden Bewegungen – sie sollen Weite gewinnen. Parkinsonpatienten machen sonst kleine Schritte, um nicht zu stürzen. Sie können nicht so einfach das Gewicht von einem auf den anderen Fuß verlagern und beim Gehen mit den Armen schwingen. Dadurch verlieren sie leicht das Gleichgewicht.

Dass Tanzen da helfen kann, haben Experten beim diesjährigen Welt-Parkinson-Tag der Deutschen Parkinson-Gesellschaft jüngst wieder betont. In Deutschland gibt es noch nicht viele Angebote dieser Art, aber es werden mehr. Forscher untersuchen derzeit in zahlreichen klinischen Studien, wie Tai-Chi, Karate und eben auch Tanzen auf Körper und Geist von Parkinsonpatienten wirken. Die amerikanischen Neurowissenschaftler Madeleine Hackney und Gammon Earhart etwa haben in einer Studie herausgefunden, dass Tangotanzen den Gang und die Balance signifikant verbessert. Sie teilten Patienten gleichen Alters und in einem ähnlichen Stadium der Krankheit nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen ein. Während die einen 20-mal je eine Stunde Tango tanzten, machten die anderen Übungen zur Stärkung von Muskeln und Flexibilität. Die Teilnehmer beider Gruppen konnten sich hinterher deutlich besser bewegen. Aber den Tangotänzern fiel es leichter, das Gleichgewicht zu halten und bestimmte Bewegungsabfolgen zu absolvieren.

Der argentinische Tango scheint besonders geeignet. „In diesen Rhythmen gibt es immer wieder Brüche, die Patienten müssen ständig lernen, ihre Bewegung neu anzusetzen“, sagt Sabine Koch, Professorin für Tanz- und Bewegungstherapie an der SRH Hochschule Heidelberg. So können sie üben, aus der Muskelstarre loszukommen. Auch die Bewegung mit einem Partner hilft: Da der Führende improvisiert, müssen sich die Tänzer aufeinander konzentrieren, um zu spüren, was der andere tut. Was den Betroffenen sonst Angst macht, lange Schritte, Rückwärtslaufen oder Drehungen – beim Tango üben sie all das automatisch. Die Wissenschaftler wollen auch die psychologische Wirkung untersuchen. Immer wieder berichten Patienten, dass sich die Tanzbewegungen ästhetisch anfühlen. „Möglicherweise verbessert sich die Gesundheit auch, weil sich die Patienten im Tanz schön fühlen“, sagt Koch.

Der Neurologe Uwe Jahnke aus Neustadt ist immer wieder erstaunt, dass sogar Patienten, die nicht gern tanzen, beweglicher werden und guter Stimmung sind. Er vermutet, dass die Bewegungsmuster des Tanzens in Gehirnregionen abgespeichert wurden, denen die Krankheit weniger anhaben kann: „Dies könnte eine Erklärung sein, warum es Parkinsonpatienten beim Tanzen leichterfällt, sich mit großen Schritten zu bewegen.“

Den ganzen ZEIT-Artikel von Myriam Salome Apke finden Sie hier: http://www.zeit.de/2017/46/parkinson-patienten-tanz-therapie/komplettansicht

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