Der bekannte SWR-Moderator Matthias Holtmann stand im Mittelpunkt der gemeinsam von der AOK Baden-Württemberg, MEDI Baden-Württemberg und dem Hausärzteverband getragenen Veranstaltung „Parkinson, die unbekannte Krankheit“ am Abend des 11. Juli im Cannstatter Kursaal. Neben Matthias Holtmann standen sein Neurologe, Dr. Klaus Schreiber, und  SWR-Moderatorin Stefanie Anhalt auf dem Podium.

Holtmann berichtete von seiner Tätigkeit beim SWR im Fußballweltmeisterschafts-Sommer 2006, als er tagelang nonstop aus einem stickigen Container heraus vom public viewing auf dem Stuttgarter Schlossplatz berichtete. Dort fiel ihm zum ersten Mal auf, dass seine Schrift immer kleiner wurde, sich quasi „in der Tischplatte verkroch“. Der Verdacht einer neurologischen Erkrankung lag nahe. Er reagierte jedoch zunächst mit Verdrängung. „Bloß nicht zum Arzt!“

Dann kam die Phase, in der er wahrnahm, wie man in der Umgebung anfing über ihn zu tuscheln. Was denn mit dem Kollegen los sei? Irgendwann hat er sich dann geoutet. Bei einer Person öffentlichen Interesses war das natürlich ein gefundenes Fressen für die Bild-Zeitung, „einer Zeitung, der man nicht entkommt“, wie Holtmann bemerkte. Er hatte sich dazu entschieden, sein Schicksal selbstbewusst an die Öffentlichkeit zu bringen. Geheimhaltung bringt nix. Monatelang hatte er gegrübelt: „Warum gerade ich? Womit hab ich das verdient?“ Ein Dreivierteljahr hatte er gebraucht, bis er sich dazu entschied zum Arzt zu gehen. Sein Hausarzt verwies ihn an den Neurologen Dr. Schreiber.

„Heute stirbt man nicht an Parkinson, sondern mit Parkinson.“ Holtmann begann offensiv und aktiv mit seinem Leiden umzugehen. Sport, Walking, Schwimmen, Gleichgewichtstraining, Bewegung, Bewegung, Bewegung! Und er entdeckte eine verborgene Leidenschaft: das Singen! (Dr. Schreiber verweist in diesem Zusammenhang auf einen aktuellen Artikel in der Zeitschrift Nature: Mit musikbezogener Bewegung erreicht man bei Parkinsonpatienten deutlich verbesserte Motorik!)

Matthias Holtmann überraschte sein Publikum mit einer gelungenen Gesangseinlage: „Don’t think twice, it’s allright“ von Bob Dylan. Damit verbindet Holtmann eine sehr persönliche Erinnerung an seinen Vater und dessen Opel „Commodore“… Bemerkenswert: Holtmanns ausdruckvolle Gesangstimme, offenbar kraftvoller als seine geübte, aber unter Parkinsoneinfluss leidende Sprechstimme.

Holtmanns Neurologe Dr. Schreiber wies darauf hin, dass Patienten mit Verdacht auf Parkinson heute erfreulicherweise viel früher in die Praxis kämen. Noch immer verbänden jedoch viele Menschen die Parkinsonerkrankung ausschließlich mit Zittern und einer Gangstörung. Die Symptome zeigen sich jedoch auch ganz anders: beispielsweise mit Rückenschmerzen, Schlafanomalien, Obstipation (Verstopfung) usw. Dr. Schreiber berichtete von Fällen, in denen Patienten mit der Diagnose Depression zu ihm kämen, und es stelle sich heraus, dass sie an Parkinson leiden.

Eine früh einsetzende Behandlung des Parkinson Syndroms könne Schädigungen von nachfolgenden Strukturen verhindern. Dr. Schreiber plädierte für den Begriff der „Gesundengymnastik“ anstelle der „Krankengymnastik“. Bewegung, Ausdauer, Krafttraining, Atmung sind in der Therapie von höchster Bedeutung. Matthias Holtmann beispielsweise trainiert am Boxsack und praktiziert Dehn- und Streckübungen (Alexandertechnik) und vieles mehr.

Nach einer weiteren Gesangseinlage, einer humorvollen Adaption von Janis Joplins „Mercedes-Benz“, berichtete Holtmann aus seinem Alltag: Knöpfe oder Kleingeld würden zu einem Riesenproblem. Dem könne man ausweichen, indem man auf Hemden verzichtet und nur noch in T-Shirts und Pullis schlupft. Im Laden gebe er der Kassiererin den Geldbeutel mit den Worten: „Hol’s selber raus!“ Das Problem des Schnürsenkelbindens lässt sich umgehen, indem man Schuhe zum reinschlupfen verwendet. „Ich kann alles machen, aber ich brauch für alles länger“

Dr. Schreiber stellte dar, dass für viele Parkinson-Patienten eine Psychotherapie angezeigt wäre, leider sei es äußerst schwierig, in akzeptabler Zeit eine gut für Parkinson-Patienten strukturierte Psychotherapie zu bekommen. Zur Pflege der motorischen Fähigkeiten empfiehlt Dr. Schreiber unter anderem gute Computerspiele, das legendäre „Tetris“ eigne sich besonders. Jedoch dürfe nicht vergessen werden, das ewige Mantra zu wiederholen: „Bewegung, Sport, Gymnastik!“

Matthias Holtmanns Resümee als von Parkinson Betroffener: „Jede Stunde zählt, verdrängen hilft nichts, anstatt sich zu verkriechen muss man ausgehen, in Konzerte, in Restaurants, zum VfB ins Stadion!“

Eine abschließende Runde mit Fragen aus dem Publikum zeigte, dass an diesem Abend vieles von einer komplexen Materie nur angerissen werden konnte. Aber schließlich handelte es sich nicht um eine Fachtagung, sondern um einen informativen und unterhaltsamen Einblick in die Lebensrealität der ca. 280 000 bundesdeutschen Parkinson-Betroffenen (geschätzte 30% Dunkelziffer nicht eingerechnet!) am Beispiel eines offenherzigen und aktiv mit seiner Erkrankung umgehenden Prominenten. Dank an Matthias Holtmann, Klaus Schreiber und Stefanie Anhalt sowie an die Veranstalter!

 

Lesen Sie mehr über Matthias Holtmann und SWR1 Pop & Poesie in Concert in der Heilbronner Stimme vom 26. Juni 2017:

http://www.stimme.de/heilbronn/kultur/kultur/Wann-ist-ein-Hit-ein-Hit;art139945,3869894

Teile: