,,Ich bin froh, solange ich noch über mich selbst lachen kann“

Seit 2003 lebt Richard Wagner mit Parkinson. Den Zumutungen der Krankheit begegnet er mit Humor. Ein Gespräch von Franziska Wolffheim mit dem Schriftsteller, der anderen Betroffenen Mut machen möchte.

2003 bekamen Sie die Parkinson-Diagnose. Haben Sie Ihr Leben danach grundsätzlich verändert?

Nein. Das hätte zum Beispiel bedeutet, meine Lesungen abzusagen. Damit aufgehört habe ich erst, als ich zwei Veranstaltungen abbrechen musste, ich konnte nicht mehr weiterlesen. Ich denk es ist nicht gut, nach der Diagnose in eine Schonhaltung zu gehen und sich nur noch auf seine Krankheit zu konzentrieren, auf die Engpässe und Einschränkungen. In unserer Gesellschaft gehen Menschen gern an Grenzen, zum Beispiel beim Bungeespringen. Ich versuche einen sinnvollen Bungeesprung: Ich schaue, was ich mir zumuten kann.

Wo sind für Sie die Grenzen ?

Größere Reisen sind nicht mehr möglich. Oder, ganz alltäglich: Ich stehe an der Ampel und kann plötzlich nicht weitergehen. Solche Startschwierigkeiten gibt es immer wieder bei Parkinson. Die Grünphase ist schon wieder vorbei, und die Panik steigt. Ich warte dann einfach ab oder wende einen Trick an: Wenn ich den rechten Arm hebe, wird meine Wirbelsäule gerader und lockert sich, dann geht es meistens besser. Ich muss damit leben, dass der Parkinson immer da ist. Er ist ein großer Dieb und klaut überall: meine Fähigkeit, mich zu konzentrieren, oder die Kontrolle über die Motorik, was zu dem typischen Zittern führt – bei mir im rechten Bein.

Fällt es Ihnen schwer, die Einschränkungen zu akzeptieren?

Sicherlich. Auch die Sexualität ist ja bei Parkinson betroffen, die Krankheit führt irgendwann zu Impotenz. Damit muss ich zurecht kommen. Aber ich kann auch ein bisschen selbst entscheiden, wie viel Raum ich den Einschränkungen gebe.
Wichtig ist, die Symptome zu kennen und zu akzeptieren, dann erschrickt man nicht so. Wenn ich fernsehe, erscheint der Nachrichtensprecher manchmal doppelt, das ist ein typisches Parkinson-Symptom. Da ich das weiß, ängstigt es mich nicht mehr.

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Kommen Ihnen manche Leute dumm, weil Sie langsamer sind oder weil zum Beispiel Ihr rechtes Bein zittert?

Neulich stand ich an der Ampel und konnte nicht mehr weitergehen. Eine Radfahrerin rief mir zu: „Grüner wird’s nicht.“ Das hat mich schon geärgert. Ein anderes Mal haben ein paar Jungs Fotos von mir gemacht und mich gehänselt und „Hey, Alter“ gerufen.
Durch meine Krankheit habe ich einen etwas tänzelnden Gang bekommen. Dahabe ich ihnen erst mal erklärt, was es mit der Krankheit auf sich hat. Ein anderer Jugendlicher hat mich gefragt, ob ich einen neuen Tanz entwickelt hätte. Das war in der Zeit, als alle den Rapper Psy mit seinem „Gangnam Style“ auf Youtube angeklickt haben.

[…]

Hoffen Sie auf ein Medikament, das die Krankheit besiegt?

Ich glaube nicht an Wunder. Ich halte es auch nicht für sinnvoll, sich übertriebene Hoffnungen zu machen – und dann kommt die große Enttäuschung.

Herr Parkinson

Herr Parkinson

Wenn Sie nachts träumen: Gibt es Träume, in denen Sie frei von Ihrer Krankheit sind?

Ich träume nicht von Parkinson, er träumt von mir, das ist das Schlimme. Er mischt sich ständig in mein Leben ein. Ich habe viele Angst- und Panik träume, die auch durch die Medikamente ausgelöst werden, die ich nehmen muss. Manchmal habe ich nachts Lähmungserscheinungen, die ebenfalls Angstträume hervorrufen können.

Fragen Sie sich ab und zu: Warum ich?

Die Frage hat für mich keinen Sinn. Keiner hat beschlossen, dass ich Parkinson bekommen soll.

Ihr Buch ist manchmal recht sarkastisch. Rettet Sie der Humor im Alltag?

Er hilft mir eindeutig, mit der Krankheit besser umzugehen. Im Lokal habe ich neulich einer Dame gegen das Schienbein getreten. Das kommt durch meinen Tremor, ich schlage sozusagen aus. Natürlich tat es mir leid, aber es war auch ein bisschen lustig. Wenn ich ein Schnitzel schneide, muss ich darauf achten, dass es nicht plötzlich durch die Gegend fliegt und in der Salatschüssel am Nachbartisch landet. Es gibt immer wieder komische Situationen. Ich bin froh, solange ich noch über mich selbst lachen kann. Auch die Aussichtslosigkeit hat Anspruch auf Humor.

Richard Wagner
wurde 1952 im rumänischen Banat geboren. Dort gehörte er zur deutschsprachigen Minderheit. Wegen eines Arbeits- und Publikationsverbots reiste der Journalist 1987 mit seiner damaligen Frau, der Nobelpreisträgerin Herta Müller, in den Westen aus. Seitdem arbeitet er als freier Schriftsteller in Berlin.

Zum Weiterlesen:
Richard Wagner;
„Herr Parkinson“,
Knaus Verlag, 2015,
144 Seiten, 16,99 Euro

(Quelle: „STERN – GESUND LEBEN“ Heft 4/2015)

siehe auch:

http://www.fr.de/kultur/literatur/richard-wagner-herr-parkinson-die-kleine-angst-die-grosse-angst-a-449514

https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article141611150/Mein-Stuhl-hat-Armlehnen-sonst-falle-ich-runter.html