„Ich schau mal nach, ob sie noch da ist“, sagt Aren Hilb* und schlurft zum Badezimmer. Tür auf, Licht an, Tür zu, ein breites Lächeln: „Nein, sie ist verschwunden.“ Seit Hilb das Medikament Levodopa gegen seinen Parkinson bekommt, sieht er manchmal Dinge, die nicht da sind. Zum Beispiel das Mädchen im Bad. „Die ist nett, sie stört mich nicht.“ Hilbs rechte Hand zittert. Wenn er sitzt, klatscht sie rhythmisch auf den Oberschenkel. Sein Gang: ein wenig gebeugt, sein rechtes Bein steif. „Manchmal will ich das Bein bewegen, aber nichts passiert“, sagt Hilb. „Es ist, als würde das Gehirn Signale senden, die nicht beim Bein ankommen.“

Tatsächlich liegt das Problem beim sogenannten Idiopathischen Parkinson-Syndrom, an dem auch Hilb erkrankt ist, im Gehirn selbst. Im Mittelhirn sterben Nervenzellen, die eine zentrale Rolle für die Bewegung spielen. Diese Neurone produzieren eigentlich den Botenstoff Dopamin und schicken ihn mit ihren schlanken Nervenenden in Gebiete unterhalb der Großhirnrinde, die Bewegungen, die Motivation, aber auch kognitive Prozesse regeln. Ist ungefähr die Hälfte dieser Zellen untergegangen, zeigen sich die typischen Symptome: Arme und Beine beginnen zu zittern, selbst wenn der Patient ruhig ist, wobei meist eine Körperseite stärker betroffen ist. Die Muskeln werden steif, die Schritte kleiner – es wird immer schwerer, Bewegungen auszuführen; der lev, und die Patienten stürzen leichter.

Es wird immer wichtiger, die Erkrankung noch besser zu verstehen. Denn aus Parkinson ist eine regelrechte Pandemie geworden, schrieb jüngst der US-amerikanische Neurologie-Professor Ray Dorsey von der University of Rochester im Fachblatt Jama Neurology. „In den letzten 25 Jahren hat sich die Zahl der Erkrankungen weltweit verdoppelt“, erklärt er der ZEIT. „Und bis 2040 könnte sie sich noch einmal verdoppeln, auf über 14 Millionen Menschen.“ Davon ist auch Deutschland nicht ausgenommen, sagt Günther Deuschl, Neurologe an der Christians-Albrechts-Universität zu Kiel und Präsident der European Academy of Neurology: „Die Parkinson-Zahlen nehmen zu. Momentan leben 250.000 bis 300.000 Menschen in Deutschland mit der Krankheit. Ein weiterer Anstieg ist zu erwarten.“ Noch nicht veröffentlichten Krankenkassendaten zufolge könnten es sogar bis zu 400.000 sein.

Was ist der Grund dafür, dass die Zahlen so rasant ansteigen? Und ist die Medizin darauf vorbereitet, die vielen neuen Patienten zu erkennen und zu behandeln?

Bei Aren Hilb machte sich die Erkrankung vor zwei Jahren das erste Mal bemerkbar. Seine Hände wurden schwächer, unruhige Beine hielten ihn vom Schlafen ab, und dann begann das Zittern – vor allem, wenn er aufgeregt war. Im August letzten Jahres zwang ihn die Krankheit dazu, seine Arbeit als Teamleiter einer Inventur-Firma aufzugeben. Er erinnert sich noch genau an den Tag: „Meine Hände waren schwach, deshalb bin ich nach Hause gefahren. Aber die Fahrt habe ich nicht mehr geschafft, weil das Zittern so stark war.“ Er fuhr rechts ran, rief die Polizei an und bat die Beamten, das Auto einzuparken. Dann ging Hilb nach Hause.

Aren Hilb war 55, als der Parkinson bei ihm diagnostiziert wurde. Meist schlägt die Erkrankung jedoch erst später zu. Im Schnitt leidet von den über 65-Jährigen jeder Hundertste an Parkinson, von den über 85-Jährigen sind sogar bis zu drei Prozent erkrankt. „Der Hauptrisikofaktor für Parkinson ist hohes Alter“, erklärt Deuschl. Es leuchtet also ein, dass Parkinson zunimmt, wenn die Menschen in Deutschland und auf der Welt immer älter werden. Das aber ist, wie Ray Dorsey festhält, nicht der einzige Grund. Denn die Raten von Parkinson nehmen rapider zu als zum Beispiel die von Alzheimer-Demenz, auch eine typische Alterskrankheit. Warum – das liegt bisher noch im Dunkeln, obwohl es Verdächtige gibt: „Wahrscheinlich spielen Umweltfaktoren eine wichtige Rolle“, sagt Dorsey. Vor allem Pestizide werden verdächtigt.

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Überhaupt, da sind sich Dorsey und Deuschl einig, brauche es endlich Therapien, die der Krankheit vorbeugen, ihren Ausbruch hinauszögern oder den Verlauf abschwächen. Nur so könnte man den Trend der Pandemie bremsen. Die bisherigen Medikamente wirken rein symptomatisch. Das bekannteste davon ist Levodopa, eine Vorstufe des Dopamins. Es soll den Mangel des Botenstoffs ausgleichen und so die Bewegungsbehinderung und das Zittern verringern. Levodopa ist schon seit den Sechzigern auf dem Markt, andere Substanzklassen folgten kurz darauf – sie alle sind sicher und wirksam. Aber seit den Siebzigern hat sich in der Therapie mit Medikamenten wenig getan. Zwar wird seit einiger Zeit eine Impfung gegen das verklumpende Eiweiß Alpha-Synuclein erprobt. „Eine Impfung wäre ein gigantischer Fortschritt“, sagt Ray Dorsey. Aber niemand weiß, wann diese Vorbeugung kommt.
Im Moment läuft alles auf die Therapie der Erkrankten hinaus. Der letzte Durchbruch in der Behandlung liegt schon fast 30 Jahre zurück. 1987, erzählt Christian Moll, hatten Neurologen von der Universität Grenoble einem Parkinson-Patienten erstmals eine Elektrode ins Hirn implantiert. Moll ist Neurophysiologe am Zentrum für Experimentelle Medizin des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Er forscht und arbeitet seit Jahren mit dieser Technik, die sich Tiefenhirnstimulation nennt. Durch den Ausfall der Dopamin produzierenden Nervenzellen komme das System für Bewegungen aus dem Gleichgewicht. Plötzlich feuerten Nervenzellen, die das eigentlich nicht tun sollten, rhythmisch Signale ab. Die Zitterfrequenz in den Armen und Beinen der Patienten entspricht dabei der Frequenz dieses Störfeuers. „Mit dem Strom der Elektroden, die wir an bestimmten Orten im Gehirn platzieren, wollen wir dieses Störfeuer unterdrücken oder überschreiben“, erklärt Moll. Die Ergebnisse sind bei vielen Patienten atemberaubend. Einige von denen, die es kaum schafften, den Fuß vom Boden zu heben und einen Fuß wieder vor den anderen zu setzen, laufen plötzlich wieder mit flüssigen Bewegungen. Und auch die Feinmotorik kommt bei vielen Patienten wieder zurück.

Und doch sind manche enttäuscht. „Das Versprechen ist aber nicht, dass es den Patienten danach für immer gut geht“, betont Moll. „Im Grunde stellen wir nur die Uhr ein paar Jahre zurück. Im Hintergrund schreitet die Krankheit weiter fort.“ Lange Zeit galt die Tiefenhirnstimulation als letzte Rettung für Patienten, bei denen alle anderen Therapien nicht mehr wirken wollten. Inzwischen aber weiß man, dass es durchaus sinnvoll ist, Patienten schon früher damit zu versorgen, nämlich wenn unter Medikamenten erste Probleme auftreten. „Wir wissen inzwischen, dass die Tiefenhirnstimulation den Patienten Lebensjahre schenkt und ihre Lebensqualität deutlich verbessert“, sagt Deuschl. Er hat dazu im Fachblatt New England Journal of Medicine eine Studie veröffentlicht.

Auch für Aren Hilb könnte die Tiefenhirnstimulation bald infrage kommen: Unter der Therapie mit Levodopa kommt es seit letztem Sommer zu Schwierigkeiten, etwa zu Halluzinationen. Hilb will sich über die Risiken und Chancen im UKE informieren. Um die Tiefenhirnstimulation oder auch neue Therapien weiterzuentwickeln, braucht es Geld. Angesichts der steigenden Patientenzahlen glaubt Dorsey, dass noch immer zu wenig Mittel in die Forschung fließen, dabei sei Parkinson von den neurologischen Erkrankungen „insgesamt die Krankheit, die am meisten Behinderung und Todesfälle verursacht“. In den USA, rechnet er vor, hätten halb so viele Patienten Parkinson wie HIV, aber in die Forschung würde nur ein Zehntel des Geldes fließen. Für Europa und Deutschland sind derartige Daten schwer zu ermitteln.

Es gibt noch ein weiteres Problem: Weltweit wird nur ein Bruchteil der Parkinson-Patienten medizinisch adäquat versorgt. Dorsey findet das „gewissenlos“, zumal es eigentlich patentfreie und günstige Medikamente gibt. In den USA würden 40 Prozent der Patienten nicht von einem Neurologen behandelt, was ihre Behandlung deutlich verschlechtert. Dass jeder Parkinson-Patient immer zum Neurologen geht, sagt Deuschl, sei im Moment unrealistisch. „Wichtig ist aber schon jetzt, dass ein Neurologe die Patienten in allen kritischen Phasen der Krankheitsentwicklung sieht, wie etwa zur Diagnose-Stellung und immer wenn Probleme bei der Behandlung auftreten.“ Um zu regeln, wie Hausärzte und Neurologen zusammenarbeiten sollten, wünscht er sich eine verbindliche Nationale Versorgungsleitlinie. Den vielen neuen Patienten würde das enorm weiterhelfen.

*Name auf Wunsch des Patienten geändert

Quelle: ZEIT Doctor, Artikel von Jakob Simmank
vom 21. Februar 2018

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