Archiv für den Monat: Juli 2017

Bericht im Regio TV Stuttgart vom 12. Juli 2017

Den Regio-TV-Beitrag finden Sie hier: https://www.regio-tv.de/video_titel,-Leben-mit-Parkinson-mit-Matthias-Holtmann-_vidid,128720.html

Der Regio-TV-Text dazu: Matthias Holtmann sprach am 11. Juli 2017 über sein Leben mit Parkinson. Die Auftaktveranstaltung eines neuen Formats, initiiert von der AOK Baden-Württemberg. Neben emotionalen Erfahrungsberichten und medizinischem Expertenwissen gab es für die 250 Besucher im Kleinen Kursaal in Stuttgart-Bad Cannstatt auch musikalische Unterhaltung: Holtmann sang live und machte Musik.

Mein Joghurt-Wunder

Über den heilsamen Umgang mit einer unheilsamen Krankheit

Im Sommer des vorigen Jahres [2014] wurde ein Medizinwunder vermeldet. Ein Professor aus Dresden habe einen Wirkstoff gegen Morbus Parkinson in einigen Joghurtsorten entdeckt, vornehmlich in bulgarischen. Von einer „bahnbrechenden Entdeckung“ war die Rede. Die Meldung vom Joghurt-Wunder erreichte mich an dem Tag ungefähr zehnmal. Den Anfang machte ein Kollege aus Dresden, der mir die Neuigkeit vorlas – hörbar stolz, aus seiner Stadt etwas Positives berichten zu können. Es folgte ein Joghurt-Sturm auf mein E-Mail-Fach.

Ich hielt mich an diesem Tag in Brandenburg auf, es gab in unserem Lebensmittelgeschäft keinen bulgarischen Joghurt.

Es klingelte wieder und wieder, und Menschen, die mir sehr nahe sind, sagten überglücklich: Joghurt, stell dir vor. Alles vorbei. So einfach.

Ich weinte.

Ich fühlte mich der Erlösung nahe und hoffte auf Erlösung für die Menschen, die auf meine Erlösung hofften, als wäre es ihre eigene. Ich kaufte ersatzweise märkischen Joghurt, verspeiste drei Becher und fühlte mich übersättigt.

Ich schaltete mein Handy aus, um mein neues Glück zu genießen. Zehn Jahre Parkinson reichen eigentlich auch.

Nach Glückstränen und Freudensprüngen bemerkte ich an mir Stunden später einen seltsamen Stimmungswechsel. Der Glaube an das Wunder war frisch. Aber wo war die Freude geblieben?

Den ganzen Artikel von Stefan Berg lesen Sie in der online-Version aus dem SPIEGEL vom 9. Mai 2015

oder hier als PDF laden:

http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/134879017

„Parkinson, die unbekannte Krankheit“

Der bekannte SWR-Moderator Matthias Holtmann stand im Mittelpunkt der gemeinsam von der AOK Baden-Württemberg, MEDI Baden-Württemberg und dem Hausärzteverband getragenen Veranstaltung „Parkinson, die unbekannte Krankheit“ am Abend des 11. Juli im Cannstatter Kursaal. Neben Matthias Holtmann standen sein Neurologe, Dr. Klaus Schreiber, und  SWR-Moderatorin Stefanie Anhalt auf dem Podium.

Holtmann berichtete von seiner Tätigkeit beim SWR im Fußballweltmeisterschafts-Sommer 2006, als er tagelang nonstop aus einem stickigen Container heraus vom public viewing auf dem Stuttgarter Schlossplatz berichtete. Dort fiel ihm zum ersten Mal auf, dass seine Schrift immer kleiner wurde, sich quasi „in der Tischplatte verkroch“. Der Verdacht einer neurologischen Erkrankung lag nahe. Er reagierte jedoch zunächst mit Verdrängung. „Bloß nicht zum Arzt!“

Dann kam die Phase, in der er wahrnahm, wie man in der Umgebung anfing über ihn zu tuscheln. Was denn mit dem Kollegen los sei? Irgendwann hat er sich dann geoutet. Bei einer Person öffentlichen Interesses war das natürlich ein gefundenes Fressen für die Bild-Zeitung, „einer Zeitung, der man nicht entkommt“, wie Holtmann bemerkte. Er hatte sich dazu entschieden, sein Schicksal selbstbewusst an die Öffentlichkeit zu bringen. Geheimhaltung bringt nix. Monatelang hatte er gegrübelt: „Warum gerade ich? Womit hab ich das verdient?“ Ein Dreivierteljahr hatte er gebraucht, bis er sich dazu entschied zum Arzt zu gehen. Sein Hausarzt verwies ihn an den Neurologen Dr. Schreiber.

„Heute stirbt man nicht an Parkinson, sondern mit Parkinson.“ Holtmann begann offensiv und aktiv mit seinem Leiden umzugehen. Sport, Walking, Schwimmen, Gleichgewichtstraining, Bewegung, Bewegung, Bewegung! Und er entdeckte eine verborgene Leidenschaft: das Singen! (Dr. Schreiber verweist in diesem Zusammenhang auf einen aktuellen Artikel in der Zeitschrift Nature: Mit musikbezogener Bewegung erreicht man bei Parkinsonpatienten deutlich verbesserte Motorik!)

Matthias Holtmann überraschte sein Publikum mit einer gelungenen Gesangseinlage: „Don’t think twice, it’s allright“ von Bob Dylan. Damit verbindet Holtmann eine sehr persönliche Erinnerung an seinen Vater und dessen Opel „Commodore“… Bemerkenswert: Holtmanns ausdruckvolle Gesangstimme, offenbar kraftvoller als seine geübte, aber unter Parkinsoneinfluss leidende Sprechstimme.

Holtmanns Neurologe Dr. Schreiber wies darauf hin, dass Patienten mit Verdacht auf Parkinson heute erfreulicherweise viel früher in die Praxis kämen. Noch immer verbänden jedoch viele Menschen die Parkinsonerkrankung ausschließlich mit Zittern und einer Gangstörung. Die Symptome zeigen sich jedoch auch ganz anders: beispielsweise mit Rückenschmerzen, Schlafanomalien, Obstipation (Verstopfung) usw. Dr. Schreiber berichtete von Fällen, in denen Patienten mit der Diagnose Depression zu ihm kämen, und es stelle sich heraus, dass sie an Parkinson leiden.

Eine früh einsetzende Behandlung des Parkinson Syndroms könne Schädigungen von nachfolgenden Strukturen verhindern. Dr. Schreiber plädierte für den Begriff der „Gesundengymnastik“ anstelle der „Krankengymnastik“. Bewegung, Ausdauer, Krafttraining, Atmung sind in der Therapie von höchster Bedeutung. Matthias Holtmann beispielsweise trainiert am Boxsack und praktiziert Dehn- und Streckübungen (Alexandertechnik) und vieles mehr.

Nach einer weiteren Gesangseinlage, einer humorvollen Adaption von Janis Joplins „Mercedes-Benz“, berichtete Holtmann aus seinem Alltag: Knöpfe oder Kleingeld würden zu einem Riesenproblem. Dem könne man ausweichen, indem man auf Hemden verzichtet und nur noch in T-Shirts und Pullis schlupft. Im Laden gebe er der Kassiererin den Geldbeutel mit den Worten: „Hol’s selber raus!“ Das Problem des Schnürsenkelbindens lässt sich umgehen, indem man Schuhe zum reinschlupfen verwendet. „Ich kann alles machen, aber ich brauch für alles länger“

Dr. Schreiber stellte dar, dass für viele Parkinson-Patienten eine Psychotherapie angezeigt wäre, leider sei es äußerst schwierig, in akzeptabler Zeit eine gut für Parkinson-Patienten strukturierte Psychotherapie zu bekommen. Zur Pflege der motorischen Fähigkeiten empfiehlt Dr. Schreiber unter anderem gute Computerspiele, das legendäre „Tetris“ eigne sich besonders. Jedoch dürfe nicht vergessen werden, das ewige Mantra zu wiederholen: „Bewegung, Sport, Gymnastik!“

Matthias Holtmanns Resümee als von Parkinson Betroffener: „Jede Stunde zählt, verdrängen hilft nichts, anstatt sich zu verkriechen muss man ausgehen, in Konzerte, in Restaurants, zum VfB ins Stadion!“

Eine abschließende Runde mit Fragen aus dem Publikum zeigte, dass an diesem Abend vieles von einer komplexen Materie nur angerissen werden konnte. Aber schließlich handelte es sich nicht um eine Fachtagung, sondern um einen informativen und unterhaltsamen Einblick in die Lebensrealität der ca. 280 000 bundesdeutschen Parkinson-Betroffenen (geschätzte 30% Dunkelziffer nicht eingerechnet!) am Beispiel eines offenherzigen und aktiv mit seiner Erkrankung umgehenden Prominenten. Dank an Matthias Holtmann, Klaus Schreiber und Stefanie Anhalt sowie an die Veranstalter!

 

Lesen Sie mehr über Matthias Holtmann und SWR1 Pop & Poesie in Concert in der Heilbronner Stimme vom 26. Juni 2017:

http://www.stimme.de/heilbronn/kultur/kultur/Wann-ist-ein-Hit-ein-Hit;art139945,3869894

Nicht-invasiver Hirnschrittmacher in Sicht?

Hirnschrittmacher ohne OP: Für die tiefe Hirnstimulation müssen Parkinson-Patienten bislang Elektroden ins Gehirn implantiert werden. Das könnte sich künftig ändern: Wissenschaftler haben im Versuch mit Mäusen erstmals tiefliegende Hirnregionen durch auf dem Kopf aufliegende Elektroden gezielt stimuliert – ohne dabei auch darüberliegende Bereiche im Gehirn zu beeinflussen. Der Ansatz könnte die Therapiemethode weniger riskant machen und sie dadurch für mehr Betroffene öffnen, hofft das Team.

Bei Parkinson-Leiden ist die tiefe Hirnstimulation bereits eine anerkannte Behandlungsmethode – […] Es scheint, dass die Stimulation bestimmter tiefliegender Hirnregionen mit schwachen elektrischen Impulsen die Symptome von Betroffenen erheblich zu lindern vermag.

Allerdings funktioniert die Technik nur invasiv und ist nicht ohne Risiken. Denn den Patienten müssen dafür dünne Elektroden implantiert werden, über die ein Impulsgeber Signale an das Gehirn sendet. Deshalb wird die Methode aktuell nur bei besonders schweren Krankheitsverläufen angewendet, wenn andere Therapien versagen. Dank Wissenschaftlern um Nir Grossman vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge könnte sich das jedoch bald ändern.

Lesen Sie mehr dazu hier: http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-21526-2017-06-06.html

Parkinson – auch eine Autoimmunkrankheit?

Fehlerhafte Reaktionen des Immunsystems könnten bei der Entwicklung der Parkinson-Krankheit eine wichtige Rolle spielen. Wie amerikanische Mediziner jetzt herausgefunden haben, bewirkt ein krankheitstypisches Protein im Gehirn die Aktivierung von Immunzellen, wodurch möglicherweise dopaminbildende Neuronen angegriffen und zerstört werden. Noch ist nicht geklärt, ob diese Autoimmunreaktion eine der Ursachen oder eine Folge der neurodegenerativen Erkrankung ist, berichten die Forscher im Fachjournal „Nature“. Die Ergebnisse weisen auf neue Ansätze für eine Immuntherapie hin, die das Fortschreiten der Krankheit verzögern oder stoppen könnte.

„Die Idee, dass eine gestörte Immunfunktion zur Parkinson-Krankheit beiträgt, ist fast hundert Jahre alt“, sagt David Sulzer von der Columbia University in New York. Aber erst jetzt gebe es ganz konkrete Hinweise für einen solchen Zusammenhang. In geschädigten Hirnzellen von Parkinson-Patienten lagern sich fehlgefaltete Moleküle des Proteins Alpha-Synuclein ab. Bruchstücke dieses Proteins gelangen auch an die Zelloberfläche, wo sie von sogenannten MHC-Proteinkomplexen gebunden und dem Immunsystem präsentiert werden. „Wir konnten zeigen, dass zwei Fragmente des Alpha-Synucleins T-Zellen aktivieren können, die an Autoimmunreaktionen beteiligt sind“, sagt Sulzer.

Lesen Sie mehr dazu hier: http://www.wissenschaft-aktuell.de/artikel/Parkinson__ndash__auch_eine_Autoimmunkrankheit_1771015590385.html

Parkinson-Protein hat Schutzfunktion im Darm

Das Protein, dessen Ablagerung in Hirnzellen ein histologisches Kennzeichen des Morbus Parkinson ist, könnte den Darm gesunder Menschen vor Infektionen schützen. Dies zeigen neue Studienergebnisse im Journal of Innate Immunity (2017; doi: 10.1159/000477990) die die Hypothese einer Darm-Hirn-Achse des Morbus Parkinson stützen.

Beim Morbus Parkinson kommt es zur Ablagerung des Proteins Alpha-Synuclein in den Zellen. Ihre pathogenetische Bedeutung war lange unklar. Seit einigen Jahren mehren sich jedoch die Hinweise, dass die Ablagerungen nicht nur eine Folge der Nervenzellschädigung sind, sondern möglicherweise ihre Ursache.

Lesen Sie mehr dazu hier: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/76674/Parkinson-Protein-hat-Schutzfunktion-im-Darm